Begegnungssprachlicher Unterricht
Worum es beim begegnungssprachlichen Unterricht geht

Begegnungssprachlicher Unterricht
Eine unserer Aufgaben als Interkulturelle Waldorfschule ist es, in der Entwicklung junger Menschen die Kräfte zum interkulturellen Dialog zu fördern. Wir ermutigen unsere Schülerinnen und Schüler, das Fremde als das Andere schätzen zu lernen, dem zu begegnen für das eigene Werden fruchtbar und hilfreich ist.
Dem "begegnungssprachlichen Unterricht" – einer von uns neu konzipierten Erweiterung des Lehrplans - kommt dabei besondere Bedeutung zu.
Grundthema ist die Begegnung mit dem kulturell Fremden, so dass bei den sehr jungen Schülerinnen und Schülern kulturelle Vielfalt etwas Selbstverständliches, Interessantes und zugleich Vertrautes wird.
Es geht bei diesem Unterricht darum, dass die Schülerinnen und Schüler eine Liebe zum Andersartigen und ein freudiges Interesse dafür als grundlegende Haltung entwickeln und Fähigkeiten zur achtungsvollen Begegnung mit dem Fremden veranlagt werden.
Sie lernen, die Vielfalt der kulturellen Erscheinungsformen als Bereicherung und Gewinn zu erleben, der sie mit Staunen, Neugier, Achtung, Interesse und Verständnis gegenübertreten können. Der "begegnungssprachliche Unterricht" an unserer Schule ist damit ein wesentlicher Beitrag zur Erziehung zur Toleranz.
Der "begegnungssprachliche Unterricht" versteht sich somit weder
- als zusätzlicher fremdsprachlicher
- noch als muttersprachlicher Unterricht
für die jeweilige Schülergruppe, in deren Sprache gerade unterrichtet wird.
Diese Sprache wird hier ausschließlich als wesentlicher Bestandteil der jeweiligen Kultur kennen und schätzen gelernt.
Im Vordergrund steht deshalb nicht die Vermittlung von Sprachfähigkeit, sondern das spielerische Entdecken und Ausprobieren der fremden Sprache für die einen, das erste bewusste Erleben der Besonderheiten und Schönheiten der Muttersprache für die anderen Kinder.
Dass damit tatsächlich und wie „nebenbei“ auch wesentliche Grundlagen der Sprachkompetenz gelegt werden, ist ein willkommener und bewusst gewollter pädagogischer Nebeneffekt.
Eigentliches Ziel ist es, den fremden Ländern und Kulturen zu begegnen, d.h. sie aus sich heraus kennen zu lernen, sie zu erleben – und darin zugleich die Besonderheit der eigenen Kultur zu erfahren.
Kulturelle Vielfalt wird so für alle Schülerinnen und Schüler zur ursprünglichen, lebenslang wirksamen Grunderfahrung. Zugleich erleben sie: Alles zuerst Fremde wird durch Lernen zu Bekanntem, Vertrautem, Eigenem. Lernendes Aneignen ist die angemessene Antwort auf die Begegnung mit dem Fremden.

Bereicherung durch Vielfalt
Die pädagogischen Grundlagen des begegnungssprachlichen Unterrichts
Der begegnungssprachliche Unterricht beruht im Kern auf einem Tausch der sonst üblichen Rollen der Kinder in der Schule und in ihrer aktuellen Lebenswelt: Die deutschsprachigen Schüler erleben sich als diejenigen, die sich in einer unbekannten Unterrichtssprache zurechtfinden und mit fremden kulturellen Gebräuchen auseinandersetzen müssen, während die Migrantenkinder der entsprechenden Sprachgruppe nun einmal diejenigen sind, deren Muttersprache gesprochen wird und für die auch die meisten Unterrichtsinhalte vertraut sind. Damit können sie den deutschsprachigen Kindern, die sonst immer diesen Part haben - vieles vormachen, erklären, vertiefen oder ausschmücken.
Die deutschsprachigen Kinder werden somit für die Dauer des Unterrichts zu den „Fremden“, während die muttersprachlichen Kinder sich vorübergehend als „Einheimische“ fühlen dürfen. Bei diesem vorübergehenden Rollentausch blühen die Migrantenkinder, die sonst durch sprachliche Schwierigkeiten gebremst sind, oft auf, während die deutschsprachigen Kinder elementar erfahren, wie es ist, ein „Ausländerkind“ zu sein.
Bei den Migrantenkindern weckt der Rollentausch Interesse an ihrer eigenen Sprache und Kultur und fördert ein Gefühl der Anerkennung dieser Kultur, die ja sonst im gesellschaftlichen Leben außerhalb der Schule und ihrer Familie oft eher diskriminiert und abgewertet wird durch die Forderung, sich an die in der deutschen Gesellschaft geltenden kulturellen Standards anzupassen.
Bei den deutschsprachigen Kindern beansprucht der „begegnungssprachliche Unterricht“ die in diesem Alter noch vorhandenen Kräfte zum intuitiven Verstehen und nachahmenden Aufnehmen der fremden Sprache und Kultur und fördert und stärkt sie zugleich.
Durch die frühe Auseinandersetzung mit einer fremden Sprache wird nicht nur die Artikulationsfähigkeit der Kinder erheblich gefördert, sondern überhaupt das Vermögen, fremde Sprachen zu erlernen (Sprachlernkompetenz).
Wie sieht der begegnungssprachliche Unterricht aus?
In der Unterrichtsmethodik wird auf die intuitiven Lernkräfte der jungen Schülerinnen und Schüler insofern vertraut, als der gesamte Unterricht in der fremden Sprache stattfindet, ohne dass übersetzt wird.
Die fremde Sprache wird nicht direkt vermittelt, sondern sie entfaltet sich eher indirekt an der Auseinandersetzung mit dem „Stoff“.
Dieser Stoff besteht in wichtigen Elementen der fremden Alltagskultur: in Liedern, Festen, typischen Nahrungsmitteln oder Speisen, der Art, wie in der fremden Kultur mit den Jahreszeiten umgegangen wird, im Kennen lernen fremder Musikinstrumente, Märchen, Geschichten, Alltagsgewohnheiten usw..
Es gibt kein starres Curriculum. Im Unterricht wird gesungen, werden Mahlzeiten gekocht und verspeist, werden die Feste so vorbereitet und gefeiert, wie dies in der Kultur der jeweiligen Begegnungssprache üblich ist.
Es wird nicht eigentlich „gelehrt“, sondern es werden den Kindern die kulturellen Inhalte gezeigt, erlebbar gemacht, vorgeführt, so dass sie nachahmend aufgegriffen und im eigenen Handeln übernommen werden können.
Zugleich entfaltet sich ein Sprachlernprozess, der auf einem Einhören beruht, aus dem die Lust zum Nachahmen, zum Nachplappern der Laute und Wort- oder Satzmelodien hervorgeht, verbunden mit dem freudigen Ehrgeiz, das Nachgeahmte immer besser und genauer zu treffen. So wiederholen die Kinder z.B. Worte, Sätze, Verse oder Lieder in der fremden Sprache zunächst ausschließlich nach dem Klang und evtl. begleitenden Gesten.
In diesem Nachahmungsprozess werden dann Wiederholungen, Strukturen, schließlich Regel- und Gesetzmäßigkeiten der Sprache entdeckt und „sprachschöpferisch“ in eigenen Neubildungen ausgedrückt.
Aus diesem Prozess heraus entsteht schließlich auch das Verständnis für die Bedeutung, den Sinn des Gesprochenen, woraus sich spontanes Verstehen bildet.
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